Sonnencreme statt Burka! – Wie rechte Parteien auf Stimmfang gehen

Aktuelles aus München
Imitation eines Wahlplakates der AfD, mit Frau im Bikini
27.09.2018

Sonnencreme statt Burka! – Wie rechte Parteien auf Stimmfang gehen

Hinter dem Erfolg rechter Parteien steckt eine Menge Methode. Bewährte Strategien werden verwendet, um die Aufmerksamkeit und Stimmen potentieller Wähler*innen zu bekommen.

„Bereits seit Mitte der 90er Jahre prognostizierten Politologen und Soziologen, dass es jenseits von CSU/CDU im rechten Spektrum eine potentielle Wählerschaft von ca. 10-18% gibt.“ erzählt uns Benedikt Löw, Referent für Theologie und Ethik beim Münchner Bildungswerk. In seinem Workshop „Sonnencreme statt Burka - Wie rechte Parteien auf Stimmfang gehen“ im Rahmen der Münchner Interkulturellen Woche bekommen wir einen genaueren Einblick in die Stimmfangmethoden rechter Parteien, im Fokus logischerweise die AfD.

Wir starten mit einem Blick auf aktuelle und ältere Wahlplakate der AfD und uns allen wird ziemlich schnell klar: Die Bilder und Slogans wirken. Zumindest, solange man sie nicht eingehender hinterfragt. Auch Benedikt Löw bestätigt uns: „Die Marketingexpertise in der AfD ist hoch, die wissen schon genau, was sie machen und wie. Die NPD war nie in dem Maß salonfähig, wie es die AfD heute ist. Die waren zu offensichtlich nah am nationalsozialistischen Regime. Die AfD hat es hingegen geschafft, sich besser zu verkaufen.“

Wenn man jedoch genauer hinsieht, dann lässt sich der kalkuliert strategische Zusammenhang in den Werbekampagnen der AfD erkennen: Themen werden gezielt instrumentalisiert, um die potentiellen Wähler*innen zu erreichen: Schlagworte, die besonders häufig ins Auge fallen, sind dabei: Gefahr, Chaos, Systemversagen, Asyl/Migration, Islam, Bedrohung, Kriminalität, Angst, Tradition und Mut. Mit einer derartigen Wortwahl macht man ohne Frage auf sich aufmerksam.

Auch Widersprüche funktionieren für die AfD

Interessanterweise verstrickt sich die Partei dabei auch in Widersprüchen, die jedoch nur auffallen, wenn man die Gesamtheit der Werbekampagnen betrachtet. Mal ist es die „deutsche“ Frau, die schutzbedürftig ist, an anderer Stelle posiert diese wiederum halbnackt im Bikinihöschen und wirbt für Freizügigkeit. Das spricht eigentlich für sich. Da muss man nicht mehr viel über das tatsächliche Frauenbild der AfD spekulieren.

Ein anderes Mal wirbt die Partei mit einem homosexuellen Paar, das „keinen Wert auf die Bekanntschaft mit muslimischen Einwanderern legt, für die unsere Liebe eine Todsünde ist“ (Anmerk. d. A.: Dass die AfD zwischen Einwanderung und Flucht nicht unterscheidet, ist ja leider nichts Neues). Dann findet man jedoch wieder ein Plakat mit der „klassischen“ Familie und dazu den Slogan: „Traditionell? Uns gefällt‘s!“ – Hm. Man könnte meinen, das kann doch so gar nicht funktionieren. Aber das tut es.

Die sieben Strategien des Populismus

Die Methoden, die die AfD in ihren Kampagnen jedoch verwendet, sind weder einzigartig noch neu. Man findet sie in gleicher oder ähnlicher Form bei jeder populistischen Gruppierung.

Speziell sieben herausstehende Strategien lassen sich identifizieren:

Strategie 1: „Wir sind das Volk“

Trotz der Tatsache, dass diese Redewendung ursprünglich ein Protestruf gegen das DDR-Regime war, scheuen sich populistische Gruppierungen nicht, sie auch für die eigenen Zwecke zu verwenden. Man versucht damit, das Bild eines homogenen, einstimmigen Volkes zu kreieren, das geschlossen gegen die politische Elite steht.

Strategie 2: Macht der Sprache

Die Rhetorik ist ein machtvoller Partner in der Platzierung der eigenen politischen Ideen. Die Wortwahl ist emotional und aufgeladen, einfache Ideen werden gerne mehrfach wiederholt, um besonders eingängig zu werden.

Strategie 3: Spiel mit der Angst

Angst ist ein Grundmotiv, das von Populisten bedient wird. Dabei wird alles, was irgendwie außeralltäglich ist, zum Risiko und zur Gefahr erklärt.

Strategie 4: Aufmerksamkeit um jeden Preis

Ein wichtiges Ziel: Aufmerksamkeit zu bekommen. Ob positiv oder negativ ist dabei erstmal egal, ganz nach dem Motto „There’s no such thing as bad publicity“. Dafür werden ganz gezielt Tabubrüche begangen, um in den Mittelpunkt einer Debatte zu rücken. Denn wenn das eine Einladung in die nächste Talkshow bedeutet, ist es das auf jeden Fall wert.

Strategie 5: Verschwörungstheorien

So absurd Verschwörungstheorien oft sind, sie funktionieren oder schüren zumindest Zweifel. Ein Klassiker: „das Establishment nutzt seine Macht und sabotiert heimlich unseren Erfolg.“

Strategie 6: Fake News

Die Nachrichten offizieller Nachrichtendienste werden zum einen als fehlerhaft dargestellt, zum anderen werden aber auch gezielt Falschmeldungen platziert und in den Umlauf gebracht, die der eigenen Politik dienlich sind.

Strategie 7: Wirkungsvolle Inszenierung

In sehr vielen populistischen Gruppierungen oder Parteien findet man eine charismatische, machtorientierte Führungsperson, die sich gerne selbst als Außenseiter bezeichnet, besonders aber betont, dass sie nicht zum politischen Establishment gehört. Bei der AfD beispielsweise fehlt diese charismatische Führungsperson zwar, die Erschaffung eines gemeinschaftlichen Feindbildes, seit 2015/16 namentlich vor allem „DER Flüchtling“, konnte das allerdings kompensieren.

Ursachen für das Erstarken populistischer Parteien in Deutschland

Mit diesen bewährten Strategien gelang es auch der AfD, nicht nur Staub aufzuwirbeln, sondern zu einem politischen Akteur zu werden, mit dem wir uns wohl nicht nur auf kurze, sondern auch auf lange Sicht auseinandersetzen müssen. Ob Zufall oder geplant, die politische Linie der AfD ist in Deutschland auf scheinbar fruchtbaren Boden gefallen. Die Ursachen dafür sind vielfältig, die sogenannte „Flüchtlingswelle 15/16“ spielte der AfD eindeutig in die Hände. Klar ist aber auch, dass Deutschland und Europa sich insgesamt in einer politischen, wirtschaftlichen und sozialen Umbruchsphase befinden. Die vielleicht gewohnte Stabilität ist so nicht mehr vorhanden. Zudem lassen sich sogenannte „demokratische Ermüdungserscheinungen“ erkennen: Der individuelle Einfluss auf die bisherige Politik, die unmittelbare demokratische Gestaltungsmöglichkeit ist für viele nicht mehr eindeutig spürbar, da kommt schnell Unmut auf. Dazu kommen der Vertrauensverlust in bisher etablierte Institutionen sowie die Suche nach identitätsstiftenden Momenten in einer sehr differenzierten und individualisierten Gesellschaft.

Um zuletzt noch auf den praktischen Aspekt zu kommen: Es ist unglaublich schwer, mit populistischen oder rechten Aussagen umzugehen, geschweige denn im Gespräch darauf zu reagieren. Denn sie machen uns oft nicht nur sprachlos, sondern man merkt auch schnell, dass man mit logischen Argumenten kaum dagegen ankommt. Deswegen ist es sinnvoll, sich strategisch kluge Methoden anzueignen, um damit umzugehen. Damit die passenden Antworten uns nicht erst auf dem Heimweg einfallen.

Wer sich dafür interessiert, das Meine-Deine-Einewelt-Bildungsprogramm bietet zu dem Thema „Nur so daher gesagt?“ einen zweiteiligen Workshop zum Umgang mit kritischen Aussagen an.

Termine sind der

08.10.2018 sowie der

15.10.2018 jeweils von 18:00-20:30 Uhr.

Hier können Sie sich anmelden

Quelle sieben Strategien des Populismus: https://www.zdf.de/dokumentation/zdfinfo-doku/gefahr-von-rechts-die-sieb...

 


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