Nähe und Distanz: Ehrenamtliche Arbeit mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen

Aktuelles aus München
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13.02.2019

Nähe und Distanz: Ehrenamtliche Arbeit mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen

Der Verein AMYNA e.V. setzt sich in seinen Arbeitsbereichen für den Schutz von Mädchen* und Jungen* vor sexueller Gewalt ein. Parvaneh Djafarzadeh ist bei AMYNA unter anderem für die interkulturelle Prävention in Kindertagesstätten und Jugendeinrichtungen verantwortlich. Sie sensibilisiert Sie mit ihrem Gastartikel für das Thema: "Distanz und Nähe in der ehrenamtlichen Arbeit mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen". Frau Djafarzadeh steht Ihnen über AMYNA e.V. als kompetente Ansprechpartnerin beratend zur Seite und organisiert Fortbildungen und Elternabende. Ihre Angebote finden Sie auch regelmäßig auf unserer Willkommensseite.

Kinder und Jugendliche stellen einen großen Anteil der geflüchteten Menschen, die in Deutschland leben, dar. Sie sind oftmals auf die ehrenamtliche Hilfe angewiesen, sei es in der Einzelbetreuung,  im Rahmen von  bildungsbegleitenden Tätigkeiten, Hausaufgabenhilfen oder bei Behördengängen. Viele freiwillige Helfer*innen engagieren sich in der Arbeit mit geflüchteten Mädchen* und Jungen*. Oft entstehen aus diesen Kontakten längere freundschaftliche Beziehungen mit Vertrauen und viel emotionalem Potenzial. Die entstandenen Freundschaften sind in manchen Fällen für geflüchtete Kinder und Jugendliche die wichtigsten Beziehungen. Sie entwickeln ein starkes Vertrauen zu den ehrenamtlichen Helfer*innen. Manche Jugendliche berichten, dass diese Beziehungen für sie darüber hinaus die einzige Möglichkeit sind, die deutsche Gesellschaft kennenzulernen.

Verletztliche Flüchtlingskinder

Viele der Kinder und Jugendlichen sind emotional sehr bedürftig. Nicht wenige mussten ihre Familien im Herkunftsland oder auf der Flucht zurücklassen. Da der Familienrückhalt eine wichtige Ressource für Kinder und Jugendliche ist, hinterlässt die fehlende Familie eine große emotionale Lücke für diese Gruppe. Besonders emotional bedürftig scheint deshalb die Gruppe der geflüchteten Kinder und Jugendliche ohne Familienbegleitung zu sein. Ebenfalls besonders emotional bedürftig ist die Gruppe der Kinder und Jugendliche mit familiärer Belastung. Diese sind zwar mit ihren Familien hier, bekommen jedoch aufgrund einer Vorbelastung der Eltern oder ihrer Stresssituation im Fluchtland oder einer Erkrankung nicht die nötige Aufmerksamkeit in ihrer Familie. Viele der Kinder und Jugendlichen haben auf der Flucht oder im Herkunftsland selbst bereits sexuellen Missbrauch oder andere Formen der Gewalt erlebt. Durch diese Bedürftigkeit und diese Belastungen sind die Kinder und Jugendlichen ganz besonders verletzlich und schutzlos. Das erfordert von den ehrenamtlichen Helfer*innen eine hohe Integrität und Rollenklarheit.

Wichtig sind Nähe und Distanz

Zum einen geht es  für die Ehrenamtlichen darum, zwar emotionale Nähe anzubieten, aber den  Kindern und Jugendlichen nichts aufzudrängen. Die Beziehung zwischen ehrenamtlichen Betreuer*innen und geflüchteten Kindern und Jugendlichen würde ohne emotionale Nähe nicht funktionieren.  Aber auch nicht ohne die Möglichkeit der Distanzierung. Zu wenig Distanz kann zum Kontrollverlust bei Betroffenen führen. Auf der anderen Seite kann zu wenig Nähe von geflüchteten Mädchen* und Jungen* als Desinteresse, Gleichgültigkeit, fehlende Achtsamkeit oder emotionale Zurückweisung verstanden werden, was oft zur Ausgrenzung führt. Die geflüchteten Mädchen* und Jungen* brauchen beides: eine Nähe in Form von Zuwendung und Zuverlässigkeit und eine Distanz im Sinne der Möglichkeit, sich frei zu entfalten und den eigenen Lebensentwurf zu finden.  Es ist die Aufgabe aller ehrenamtlichen Helfer*innen in diesem Bereich, die angemessene Balance zu finden. Leider gibt es auch bei ehrenamtlichen Helfer*innen Personen – Frauen wie Männer – die die Hilfsbedürftigkeit und die ungeschützte Situation der Mädchen und Jungen v.a. im  1:1 Kontakt ausnutzen. Täter und Täterinnen arbeiten in diesen Fällen gezielt daran, das Vertrauen  der Mädchen und Jungen zu gewinnen und eine Abhängigkeit (z.B. über besondere Zuwendung, Aufmerksamkeit, aber auch Geschenke) herzustellen. Sie nutzen die hohe emotionale Bedürftigkeit gepaart mit fehlender Mitteilungsfähigkeit und fehlendem familiärem Rückhalt aus und schaffen Situationen, in denen ein sexueller Übergriff leichter möglich ist.[1]

Verantwortung der Vermittlungsstellen

Organisationen und Vermittlungsstellen, die mit ehrenamtlichen Helfer*innen arbeiten, brauchen hier klare Standards im Auswahlverfahren, bei den Absprachen und Regelungen, in Bezug auf regelmäßige Feedbackgespräche mit den Kindern und Jugendlichen und deren Eltern und in Bezug auf sehr niedrigschwellige Beschwerdemöglichkeiten.

Die Entwicklung bestimmter Regeln für z.B. folgende Situationen die Abhängigkeiten oder Gelegenheitsstrukturen schaffen, wie: Geschenke, Aktivitäten, Treffpunkte, Regeln für Ausflugreisen und Übernachtungen, pflegerisch medizinische Angelegenheiten und Duschsituationen können viele Ehrenamtliche entlasten und für alle Beteiligten Klarheit schaffen. Wenn diese Richtlinien auch mit den zu betreuenden Mädchen* und Jungen* und deren Eltern kommuniziert werden und deren Sinn und Zweck erklärt werden, können diese einerseits erfahren, dass sie ein  Recht auf Schutz und Unversehrtheit haben, andererseits  können sie die Zurückhaltung der Ehrenamtlichen, also ihre Distanz in vielen Situationen, nachvollziehen und nicht als persönliche Abweisung und Kränkung empfinden. Dies könnte die Ehrenamtlichen gewissermaßen entlasten und sie weniger vor die Herausforderung stellen, sich zwischen zu viel Nähe und Distanz zu entscheiden oder in diesem Spanungsfeld zu balancieren. Für die geflüchteten Kindern und Jugendlichen wäre damit auch eine Orientierungshilfe geschaffen, zu erkennen, welche Kontakte zu nah, zu grenzverletzend oder zu überfordernd sind und welche unterstützend, respektvoll und wertschätzend sind.

Fazit

Eine Diskussion zum Thema Nähe und Distanz ist für alle Beteiligten wichtig und gewinnbringend. Die geflüchteten Mädchen* und Jungen* erfahren Zuwendung und erleben gleichzeitig, dass ihre Rechte gewahrt werden und sie sich individuell entfalten können. Für die Ehrenamtlichen ist die Beschäftigung mit dem Thema Nähe und Distanz auch wertvoll. So können sie eine gemeinsame Haltung entwickeln, was für sie im Kontakt mit den Mädchen* und Jungen* in Ordnung ist und was nicht. Dies gibt eine Orientierungshilfe und Sicherheit.


[1] Kindler, Heinz / Schmidt Ndasi, Daniela (AMYNA e.V. Hrsg.) (2011): Wirksamkeit von Maßnahmen zur Prävention und Intervention im Fall sexueller Gewalt gegen Kinder

Auf unserer Homepage finden Sie hier weitere interessante Angebote von AMYNA e.V.


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GastautorIn dieses Artikels

Parvaneh Djafarzadeh
Parvaneh Djafarzadeh ist Diplom Pädagogin, Interkulturelle Trainerin und Beraterin und arbeitet bei AMYNA e.V., Amyna setzt sich in allen Areitsbereichen für den Schutz von Mädchen und Jungen vor sexueller Gewalt ein.