Kann Bürgerschaftliches Engagement (BE) sozialen Ausschließungsprozessen entgegenwirken?

Gesetze und Grundlagen
Grünes Tor mit Schloss
30.11.2018

Kann Bürgerschaftliches Engagement (BE) sozialen Ausschließungsprozessen entgegenwirken?

Bürgerschaftliches Engagement kann soziale Ausschließungsprozesse beeinflussen. Es gibt jedoch auch Grenzen.

Ausschließungsprozesse ziehen sich durch unsere gesamte Gesellschaft. Oft bemerken wir sie nicht einmal, sondern sie werden uns erst bewusst, wenn wir genauer hinsehen. Wenn ein einzelner Mensch oder gleich eine Gruppe ausgeschlossen werden, geschieht das durch Diskriminierung. Die Herabwürdigung oder Benachteiligung geschieht nicht immer bewusst aufgrund einschlägiger Wertvorstellungen, sondern kann auch aus unreflektierten Einstellungen, Gewohnheiten oder Vorurteilen entstehen. Diskriminierung lässt sich in drei Arten unterscheiden: Zum einen die interaktionelle Diskriminierung. Diese tritt unmittelbar und individuell in unserem ganz alltäglichen Verhalten und Handeln auf. Sie kann bewusst, aber auch unbewusst ein Ergebnis des ständig kategorisierenden Geistes sein.

Eine weitere Form ist die institutionelle Diskriminierung. Diese findet auf Grundlage von formellen und festgeschriebenen institutionellen Strukturen und Systemen statt, das können Normen und Rechte sein, aber auch Handlungsmaxime. Diese Art der Diskriminierung ist oft nicht intendiert, sondern der institutionellen Handhabe geschuldet. Zum Beispiel, wenn Lehrpersonen Schüler*innen mit Migrationshintergrund raten, eine niedrigere weiterführende Schule zu besuchen, da ihre Deutschkenntnisse nicht einwandfrei sind. Damit handelt die Lehrperson zwar nicht in schlechter Absicht, dennoch findet eine Diskriminierung im Bildungsweg statt.

Reicht die Diskriminierung über die institutionelle Form hinaus, spricht man von struktureller Diskriminierung. Diese Art der Benachteiligung ist in der Struktur der Gesellschaft zu finden, und hat sich oft kulturhistorisch in ihr verankert. Ein klassisches Beispiel dafür ist die patriarchische Gesellschaft.

Drei Kapitalarten nach Bourdieu

Ausschließungsprozesse und Diskriminierung kann man auch anhand der drei Kapitalarten nach Bourdieu nachzeichnen. Dieser unterscheidet zwischen:

  • Ökonomisches Kapital: der Besitz von Waren oder Vermögen etc.
  • Kulturelles Kapital: die Bildung
  • Soziales Kapital: die Anzahl, Wertigkeit und Qualität sozialer Beziehungen

Er stellt fest, dass jede Kapitalart in eine der anderen Arten umgewandelt werden kann. Das bedeutet jedoch gleichermaßen, dass sobald ein Mangel an einer oder mehrerer Kapitalarten besteht, es sehr viel schwieriger ist, sich dadurch die Verbleibenden anzueignen. Dies birgt die Gefahr der Reproduktion von Ungleichheiten.

Kann BE Ausschließungsprozessen/Diskriminierung entgegenwirken?

Man sagt, Bürgerschaftliches Engagement sei das Rückgrat unserer Gesellschaft. Denn es findet dort statt, wo gesetzliche Strukturen fehlen oder gar nicht erst hineinreichen können. Soziales Engagement richtet sich ganz gezielt an Menschen, die zusätzlichen Schutz- oder Unterstützungsbedarf haben. Insbesondere das soziale sowie das kulturelle Kapital können dadurch gestärkt werden. Zum einen, indem soziale Kontakte geknüpft werden und Beziehungen entstehen, zum anderen, indem durch verschiedene Maßnahmen das traditionelle Schulsystem erweitert wird, beispielsweise durch Nachhilfe und Lernpatenschaften oder „lediglich“ durch Informationen über das deutsche Bildungssystem. Bürgerschaftliches Engagement hat eine enorme „Empowerment“-Funktion als Hilfe zur Selbsthilfe. Es stößt jedoch auch an seine Grenzen. Insbesondere gegen Diskriminierung auf institutioneller oder gar struktureller Ebene ist es in seinem Einfluss beschränkt. Und dennoch lohnt es sich weiter zu machen: Denn alles in allem wirkt es gegen einen Großteil der Folgen sozialer Ausschließungsprozesse: Gegen das Gefühl der Wertlosigkeit und des nicht-Dazugehörens, gegen Radikalisierungsprozesse und last but not least für den sozialen Frieden.


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AutorIn dieses Artikels

Mareen Werthefrongel