Ein Grund zum Lachen und zur Freude

Aktuelles aus München
Porträt von Jon Ifeangi
22.12.2017

Ein Grund zum Lachen und zur Freude

Weihnachtszeit, Christkindlmärkte, Glühwein, Glitzer... Was denken Flüchtlinge in München über Weihnachten?

Weihnachten ist das Fest der Liebe.
Heißt das auch, dass alle Menschen Weihnachten lieben? Wahrscheinlich nicht, wenn man den Erzählungen der ein oder anderen Hollywoodproduktion glauben darf.
Umso erstaunlicher und erfreulicher ist es da doch, wie sehr Weihnachten und auch die Adventszeit manchen Menschen am Herzen liegen: Menschen, von denen man das auf den ersten Blick vielleicht gar nicht gedacht hätte.

Laith bin Haddad, 20 Jahre alt, wohnt seit zweieinhalb Jahren in einer Münchner Flüchtlingsunterkunft. Der gebürtige Iraker ist zwar Moslem, dem Beginn der Weihnachtszeit fiebert er aber immer mit großer Freude entgegen.

Ich finde es super, dass die Weihnachtszeit auch bei uns in der Unterkunft zu spüren ist.

„Ich finde es super, dass die Weihnachtszeit auch bei uns in der Unterkunft zu spüren ist. Ich habe mein Augenlicht verloren, aber man kann die Freude bzw. die Vorfreude spüren, die zwischen den Menschen herrscht. Es gibt Weihnachtsfeiern, Weihnachtsdekoration wie z.B. geschmückte Tannenbäume. Die Kinder bekommen Geschenke: An jedem Tag sind andere an der Reihe. Ich selbst nehme auch sehr gern an den Weihnachtsfeierlichkeiten hier im Haus teil. Einmal habe ich beim Plätzchen backen mitgeholfen: Das hat mir großen Spaß gemacht!“

Von Weihnachten das erste Mal in der Schule erfahren

Besonders schön findet es Laith, dass es zur Weihnachtszeit so viele Gelegenheiten gibt, anderen Menschen, besonders den Kindern, einen Grund zum Lachen und zur Freude zu geben. Für viele Erwachsene ist das alltägliche Leben in der Unterkunft alles andere als unbeschwert. Doch weil der Advent seinen Zauber schon Wochen vor dem 24. Dezember versprüht, hat man auch immer wieder Zeit, sich selbst und anderen Menschen ein wenig von ihrem Stress zu nehmen. „Zwar ist in meiner Familie Weihnachten an sich überhaupt kein Gesprächsthema: Das erste Mal habe ich von diesem Fest in der Schule gehört, im Irak. Ich dachte erst, was ist dieses Weihnachten? Ist das ein Tier? Ein einzelner Mensch? Dann habe ich gelernt, dass es ein für Christen sehr wichtiges Fest ist, an dem sie die Geburt von Jesus Christus, ihrem Gott feiern. Das fand ich dann schon spannend.“ Die Freude an diesem Fest teilt er aber auch mit zahlreichen befreundeten Mitbewohnern in der Unterkunft: „Einer meiner Freunde stammt aus Mazedonien, seine Eltern sind Muslime. In seiner Familie wird Weihnachten zwar nicht gefeiert, er und seine Geschwister haben am „Weihnachtstag“ aber trotzdem immer Geschenke bekommen.“ Natürlich lebten auch im Irak Christen, wenn auch sehr wenige, erzählt Laith. Auch die feierten Weihnachten, mit Weihnachtsdekoration, Lichterketten und dergleichen. Im Vergleich zu Deutschland sei jedoch bei weitem nicht so viel davon in der Öffentlichkeit zu sehen.

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An Weihnachten wird innen geschmückt

Dieselbe Erfahrung hat Jon Ifeangi gemacht. Der 25-jährige Nigerianer erklärt, dass Weihnachten in seiner Heimatgegend Yoruba (eine der drei Hauptsprachregionen Nigerias) zwar ein ähnlich bedeutendes Fest ist wie in Deutschland; geschmückt werden allerdings immer nur die Häuser. Innen. Niemals in den Gärten oder auf den Straßen.
„Man merkt aber schon, dass die Weihnachtszeit beginnt, wenn die Menschen verstärkt darauf achten, Straßen oder Gehwege, besonders in der Nähe ihrer Häuser, ordentlich sauber zu halten“, erzählt er lachend. Obwohl er schon seit drei Jahren in München lebt, hat er sich an den dort öffentlich zelebrierten Weihnachtsrummel noch nicht ganz gewöhnt. „Es gibt so viele Märkte, so viele Weihnachtsläden, alle Straßen sind mit Lichtern geschmückt, große Menschenmengen stehen in unzähligen Grüppchen an kleinen Häuschen und trinken Glühwein. Am Anfang habe ich mich nur kurz in den Supermarkt getraut, um etwas Dekoration für meine Wohnung in der Unterkunft zu kaufen.“ Dabei ist er nicht nur ein wahrer „Fan“ von Weihnachten, sondern auch von großen, öffentlichen Feierlichkeiten. „Beim Besuch eines Weihnachtsmarkts wie am Marienplatz denke ich oft, oh mein Gott, diese Leute lieben Weihnachten sogar noch mehr als wir in Nigeria! Was muss das erst für ein Fest sein, wenn die am Weihnachtsabend hier alle Party feiern?“ Wie fast die Hälfte seiner Landsleute ist Jon Christ und kennt den nigerianischen Heiligabend als ausgelassene Festivität mit einem öffentlichen Unterhaltungsprogramm, das dem impark-Festival im Münchner Olympiapark gleicht. Fast schade, findet er, dass sich am 24. Dezember alle zu ihren Familien nach drinnen zurückziehen und öffentliche Plätze nahezu verwaist zurückbleiben.

Wenn ich mir etwas wünschen darf für Weihnachten 2017, dann müsste es ein riesengroßes Weihnachtsfestival geben, zum Beispiel auf der Theresienwiese, wo sich die ganze Stadt trifft, mit Feuerwerk und Partyprogramm. Davon würde ich gerne Fotos machen, sie an meine Familie schicken und fragen: Na, wie ist euer Weihnachten so gelaufen?

Ruhe und Tradition

Nun, das Weihnachtsfeuerwerk ist hierzulande noch nicht zur Tradition geworden. Von „etwas anderen Weihnachtstraditionen“ weiß aber auch Kadreva Zuhra zu berichten. Die gebürtige Mazedonierin ist ganz froh darüber, dass die staade Zeit ihrem Wortsinn entsprechend doch hin und wieder Raum für persönliche Rückzüge zulässt. „Die vielen Weihnachtsmärkte in München bereiten mir schon Freude. Ich gehe aber am liebsten mit meinem Mann zusammen, weniger im großen Freundeskreis. Einfach nur Bummeln. In Ruhe. Ich kenne die Tradition ausschweifender Weihnachtsdekorationen schon auch aus meiner Heimat, obwohl dort viele Menschen, wie ich, muslimisch sind. Aber gerade in den kleinen Gemeinden und Dörfern wirkt Weihnachten doch deutlich ruhiger und familiärer, weniger glamourös als hier.“ Interessant ist auch, dass mazedonische Christen das Weihnachtsfest, Bozik genannt, erst am 07. Januar feiern, wobei das Zusammensein der ganzen Familie am Vorabend eine hochwichtige Tradition hat. Obwohl der „Heiligabend“ der letzte Fasttag vor Weihnachten ist, drehen sich viele mazedonische Weihnachtsbräuche ums Essen. „Meine Mutter hat uns am Abend vor Bozik immer ein Stück Obst gegeben. Wir haben davon abgebissen und den Rest heimlich in einer Kiste in unserem Zimmer versteckt. Dadurch sollte uns in der Weihnacht im Traum unser zukünftiger Ehemann erscheinen. Bei mir hat es funktioniert.“ Ein anderer Brauch erzählt von einer Münze, die eingebacken in einer von vielen Brotscheiben versteckt ist. Wer sie findet, wird das ganze kommende Jahr Glück haben. „Oft sind die Bräuche auch von Haus zu Haus, von Familie zu Familie unterschiedlich. Für unser Glück haben wir selbst gesorgt: Mit einer Kerze in der Hand, die wir am 07. Januar in der Kirche angezündet haben, sind wir den ganzen Weg bis nach Hause zurückgerannt. Hat die Kerze an der Haustür noch gebrannt, sind alle unsere Wünsche im neuen Jahr in Erfüllung gegangen.“
Zu Weihnachten 2017 wünscht sich Kadreva auch nur eines: Gesundheit für ihre Familie!

Dem können wir uns mit einem großen Dankeschön an unsere Interviewpartner nur von ganzem Herzen anschließen.

Fröhliche Weihnachten und gesegnete Feiertage!

 


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AutorIn dieses Artikels

Lukas Wasmer
ist Caritaswissenschaftler sowie gelernter Grundschullehrer und als Referent (Bürgerschaftliches Engagement für Flüchtlinge) im Netzwerkteam Willkommen-in-München.de tätig