Studie zu den Auswirkungen von Anker-Zentren

Gesetze und Grundlagen
"Refugees Welcome" Schild hinter Zaun
18.10.2018

Studie zu den Auswirkungen von Anker-Zentren

Eine im August veröffentlichte Kurzstudie zeigt erneut die Problematik der sogenannten „Anker-Zentren“ auf und welche Auswirkung diese Art der Unterbringung auf Geflüchtete hat: Isolation, räumliche Enge und vor allem fehlende Mindeststandards stellen dabei mitunter die größten Probleme dar. Besonders fatal aber: Die Anonymisierung.

Anfang August haben sieben Anker-Zentren in Bayern offiziell ihren Betrieb aufgenommen – trotz heftiger Kritik. Standorte sind Bamberg, Schweinfurt, Deggendorf, Donauwörth, Zirndorf, Regensburg und Manching. Für viele war von Anfang an klar, dass diese Art der Unterbringung der eines Massenlagers gleicht und mit humanitärer Hilfe nicht mehr viel am Hut hat.

Prof. Dr. Sabine Hess, Prof. Dr. Andreas Pott, Prof. Dr. Hannes Schammann et. al. haben nun für den Mediendienst Integration Berlin in einer Kurzstudie die Auswirkungen der Unterbringung von Geflüchteten in Anker-Zentren untersucht und sind – leider – auf zu erwartende Ergebnisse gestoßen.

Studienergebnisse, die leider nicht überraschen

Eindeutige Erkenntnis: Diejenigen Menschen, die dort leben müssen, sind hohen psycho-sozialen Belastungen ausgesetzt. Die Gründe dafür liegen ganz klar auch im Konzept der Anker-Zentren:

  • Passivität und Unsicherheit: Die Geflüchteten befinden sich in einer permanenten Situation des Ausharrens ohne klare Zukunftsperspektive und sind nicht in der Lage, aktiv etwas für ihre Integration zu tun. Das Gefühl der Entmündigung spiegelt sich in der Verwehrung alltäglicher Tätigkeiten wider, wie beispielsweise dem selbstständigen Kochen. In der Theorie sollen in den Anker-Einrichtungen Asylanträge schneller bearbeitet werden, die Praxis sieht jedoch anders aus. Eine Aufenthaltsdauer von bis zu 18 Monaten ist möglich. Die seelische Belastung ist sehr hoch. Damit einhergehend wird auch die Anfälligkeit für Krankheiten stark erhöht.
  • Isolation: Die meisten Anker-Zentren liegen am Rand von Städten oder Gewerbegebieten und sind von Zäunen umgeben. Durch den stark beschränkten Zugang für Initiativen, Journalist*innen und Bürger*innen zu den Zentren wird verhindert, dass engere soziale Netzwerke entstehen und sich unabhängige Beratungsstrukturen etablieren können. Das erhöht die räumliche Segregation zwischen Zentrum und Kommunen. Darüber hinaus ist die infrastrukturelle Anbindung häufig sehr schlecht, worunter die Lebensqualität sowie die soziale, politische und kulturelle Integration massiv leidet.
  • Räumliche Enge: In Anker-Zentren werden bis zu 1500 Personen untergebracht. Daraus folgt, dass sich mehrere Personen ein Zimmer teilen müssen und Privatsphäre quasi unmöglich ist. Auf diesem engen Raum steigt das Konfliktpotential deutlich an. Fehlende Mindeststandards: Ein sehr großes Problem ist, dass es keine bundesweit geltenden Mindeststandards für die Unterbringung von Geflüchteten gibt. Insbesondere Maßnahmen zum Schutz vulnerabler Gruppen wie Frauen und Kinder sind nicht einheitlich geregelt. Forschungen haben auch ergeben, dass sich die Größe der Unterkünfte direkt auf die „Gewaltoffenheit“ der Bewohnenden auswirkt.

Zudem sei auch zu erwarten, dass viele Personen aufgrund der schlechten Unterbringungsqualität untertauchen werden und in die Illegalität verschwinden.

Individuen werden zu einer homogenen Masse

Das größte Problem, das sich ergibt, ist jedoch leider auch das unscheinbarste: Anker-Zentren verstärken die Anonymisierung der einzelnen Menschen, die dort leben. In der öffentlichen Wahrnehmung werden Menschen und deren Schicksale zu einer homogenen Masse und jeglicher Individualität beraubt. Dadurch sinkt natürlich auch die Anteilnahme, denn letztendlich sind es fast immer die einzelnen Geschichten, die uns zum Handeln bewegen.

Was wir aktuell also wirklich tun können, ist dafür zu sorgen, dass die individuellen Gesichter dieser Menschen nicht in der Masse verschwinden. Denn wir können weiterhin ihre Geschichten erzählen, können sie nach außen tragen und uns zumindest so dafür einsetzen, dass „aus den Augen“ auf keinen Fall „aus dem Sinn“ bedeuten darf.

Wer die detaillierten Studienergebnisse nachlesen will, finden sie unter folgendem Link:

https://www.nds-fluerat.org/34833/aktuelles/studie-welche-auswirkungen-haben-anker-zentren/


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AutorIn dieses Artikels

Mareen Werthefrongel