Sprungbrett

Der Verein Asylplus e.V. von Waltraud Haase schafft frühzeitig Perspektiven durch Bildung.

Die Diplom-Mathematikerin Waltraud Haase hat ihre Kenntnisse und Kontakte genutzt, um Geflüchteten einen frühen und kostenlosen Zugang zu Bildungsangeboten zu ermöglichen: Mit der Internet-Plattform von Asylplus e.V. hat sie Kursangebote von der Alphabetisierung bis hin zum Hochschulabschluss gebündelt.

Waltraud Haase kämpft leidenschaftlich für eine Ausbildung der Menschen, die in ihrer Not nach Deutschland fliehen. Und ja, auch in den Fällen, in denen eine Rückkehr in das Herkunftsland sehr wahrscheinlich ist: „Wir müssen den Leuten etwas mitgeben – Wissen. Damit haben sie auch in ihrem Land eine bessere Perspektive.“ Die Asylsuchenden und Flüchtlinge sollen nicht monatelang warten müssen auf einen Sprachkurs oder eine Ausbildung. „Und dann sitzt in dem Sprachkurs der Analphabet neben dem Akademiker, der eine kommt nicht mit, der andere langweilt sich und immer wieder kommen neue Schüler hinzu. Wir vergeuden hier so viel Potential, von dem auch wir profitieren könnten.“ Die Diplom-Mathematikerin und Linguistin hat dieses ineffektive Durcheinander selbst bei ihren ehrenamtlichen Kursen in Bad Tölz erlebt und gemerkt: „So kriegen wir keinen Fuß auf den Boden.“

Kostenlose Plattform

Die 68-Jährige machte sich im Internet auf die Suche nach kostenlosen Lernangeboten und wurde fündig: beim Goethe-Verlag, der Deutsche-Welle, dem Goethe Institut usw.… Die Kursangebote reichten von der Alphabetisierung bis hin zum Hochschulabschluss. Nach Rücksprache mit den Anbietern bündelte Waltraud Haase zusammen mit ihrem Mann diese Kurse auf einer Plattform. 

Als Lernort kann der Computerraum einer Schule, ein Jugendcafé, schlicht ein Raum mit PCs und Internetzugang dienen. Die Lernplattform kann von jedem internetfähigen Computer oder Mobilgerät genutzt werden. Institutionen, Initiativen und Organisationen, die das Angebot nutzen wollen, schließen mit Asylplus e.V. eine Kooperationsvereinbarung ab.  Es werden Log-ins zugeteilt, mit denen sich die Teilnehmer eigenständig auf der Plattform einloggen. Sie können ihr Sprachniveau wählen und werden dann  zu den verschiedenen Lernangeboten weitergeleitet, wo sie unabhängig und selbstständig ihre Sprachkenntnisse vertiefen und auch Zertifikate erwerben können. Pilot-Zentrum war das Jugend-Café in Bad Tölz. „Damit dieses Modell lebt, braucht es immer Menschen dazu“, betont die Tölzerin. „Einen Ansprechpartner vor Ort, der über die ein oder andere Hürde hilft und auch einmal Fragen beantworten kann.“ Waltraud Haase kümmert sich um das „running business“ und das wortwörtlich. Am Tölzer Bahnhof kommt einem, kaum aus dem Zug ausgestiegen, schnellen Schrittes eine kleine weißhaarige Dame entgegen. Ihr Bluetooth Headset sorgt während unseres Besuchs manchmal im Minutentakt für schnelle Antworten – sei es auf technische Fragen ehrenamtlicher Helfer, auf Bedarfsmeldungen von Flüchtlingseinrichtungen, auf Vortragsanfragen von Kommunen aus ganz Bayern. 

Die Lern-Plattform von Asylplus e.V.

Hilfe zur Selbsthilfe

Das „Tölzer Modell“ hatte sich dank Medienberichten in Windeseile rumgesprochen, es kamen Anfragen aus ganz Deutschland, aus Österreich und der Schweiz. Waltraud Haase gründete zusammen mit dem Manager Dr. Thomas von Rüden den Verein Asylplus e.V. mit dem Ziel  „Asylbewerber, aber auch Migranten baldmöglichst nach ihrem Eintreffen in Deutschland dabei zu unterstützen, sich besser und selbstständig in ihrer neuen Lebenssituation zurechtzufinden, für den deutschen Arbeitsmarkt zu qualifizieren, für Schule, Universität oder Berufsausbildung fit zu machen und auch auf eine mögliche Rückführung und Reintegration in ihrem Herkunftsland vorzubereiten.“ Mittlerweile listet die Datenbank über 200 Kooperationsvereinbarungen auf.

Erfolgsgeschichten

Asylplus stellt auch Computer für das computergestützte Lernen zur Verfügung. Dies sind in der Regel zehn bis zwölf gebrauchte und neu konfigurierte Geräte. Asylplus übernimmt die Lieferung und Installation sowie die Einweisung der Tutoren vor Ort. In begründeten Fällen werden Computer auch Einzelpersonen zur Verfügung gestellt. Für die Konfiguration gespendeter Laptops sorgt auch Herr Haase. Im Arbeitszimmer umgeben von vielen Monitoren bereitet er die Hardware für den Einsatz vor, am Boden stapeln sich ungeeignete Geräte. „Alles was dicker ist als vier Zentimeter und weniger als drei USB-Anschlüsse hat, ist in der Regel zu alt.“  Haase nutzt für die Neukonfigurationen Ubuntu, eine kostenlose Linux-Distribution. Aber auch bei Rechnern mit anderem Betriebssystem funktioniert die Plattform.

Von Anfang am mit an Bord von Asylplus e.V.: Muafaq Al Muftii. Der Syrer, der mit seiner Frau und den beiden Kindern im Juli 2013 aus Syrien nach Deutschland geflohen ist, ist seit Januar 2015 bei dem Verein als IT-Techniker fest angestellt, kümmert sich Konfiguration und Installation. Und das ist nur eine von vielen Erfolgsgeschichten des Vereins Asylplus e.V. Im Frühjahr 2016 sind bereits über 50 Lernzentren eingerichtet, in denen mehr als 400 Computer in Benutzung sind. Asylplus ist unter anderem Partner der Deutsch-Uni Online DUO der LMU, mit den Münchner Stadtbibliotheken ist eine Kooperation entstanden.

Waltraud Haase gefällt das „open source“-Modell des Projekts: „Alle tragen was bei und alle haben was davon.“ Knapp 20 Partnerschaften ist asylplus e.V:  mittlerweile eingegangen, darunter auch die Agentur für Arbeit und die IHK München und Oberbayern. "Wir arbeiten gerade intensiv an Lösungen, die Jobsuche, Bewerbung etc. so einfach wie möglich für Asylbewerber machen, damit sie „fit für den Job“ werden." Und  eines Tages will sie auch  „überflüssig“ sein: „Mein Traum ist, dass Muafaq eines Tages sagt: Waltraud, jetzt brauchen wir Dich nicht mehr.“

 

Mehr Informationen und Aktuelles unter:

http://www.asylplus.de/

https://www.facebook.com/Asylplus/