Eine gemeinsame Sprache

Sandro spielt für die interkulturelle Straßenfußballliga „buntkicktgut“ Fußball mit Flüchtlingen.

In den Flüchtlingsunterkünften sind die Tage, Wochen und Monate lang. Die Street Football-Worker von „buntkicktgut“, der interkulturellen Straßenfußball-Liga, lassen die ungewisse Zukunft für kurze Zeit vergessen. Sie schaffen mit ihren wöchentlichen Fußballspielen und Trainingsangeboten Vertrauen, sorgen für Abwechslung und eine leichtere Integration in der Unterkunft.

Jeden Dienstag packt Sandro Heger eine Sporttasche mit Fußballschuhen, Bällen und Trikots und fährt zu einer Unterkunft für junge Flüchtlinge nach Hallbergmoos. In dem früheren Hotel kennen ihn viele der knapp 100 Bewohner, er wird mit Handschlag begrüßt: „Es bringt was, wenn man die Jungs aus dem Alltag holt“, sagt der 24-Jährige. Er geht durch die Stockwerke, klopft an die vielen Türen. Eine halbe Stunde später stehen auf dem nahen Fußballplatz des VfB Hallbergmoos-Goldach e.V. 18 junge Männer. Er und Praktikant Furkan bilden Teams – „wir achten darauf, dass die Gruppen etwa gleich stark sind und dass auch neue Kontakte entstehen“ – und verteilen Trikots in leuchtendem Orange.

Sandro begrüßt Nachzügler – „schön, dass Du gekommen bist“, „bist Du wieder gesund?“ Minuten später rollt der Ball. Sandro und Furkan sind Spieler und Schiedsrichter, ihre Entscheidungen, sei es Ecke oder Elfmeter, werden ganz selbstverständlich akzeptiert. Das eine Team dirigiert wie so oft „Boateng“. Diesen Spitznamen haben sie dem jungen Mann aus Gambia verpasst, weil er so geschickt aus der Abwehr zu dirigieren weiß. Die „Boateng“-Rufe werden die nächsten zwei Stunden nicht verstummen, als Adressaten halten auch die Namen der Herkunftsländer her: „Go, Somali!“, „Eritrea, move!“, „Afghani, right!“ Alle positionieren sich folgsam gemäß der Anweisungen des Jungen im FC Ingolstadt 04-T-Shirt.

Auszeit am Platz

9:8 wird es am Ende für Boatengs Mannschaft stehen. Als offiziell das Training zu Ende ist, ist das Bedauern groß und Sandro lässt nochmal zehn Minuten weiterspielen, denn: „Hier können sie zwei Stunden mal vieles vergessen.“ Es wird viel gelacht an diesem Vormittag, einen Fehlpass nimmt niemand krumm, bei einem harten Schuss fliegt gelegentlich auch ein Schuh mit über den Platz. Erst letztes Mal sei ein Neuzugang aus Afghanistan dabei gewesen, erzählt Sandro - sehr still, noch nicht in der Gemeinschaft integriert und zunächst habe der Junge nicht vom Spielfeldrand weichen wollen. Aber Sandros stete Aufforderungen haben geholfen: „Und nach dem Spiel sind sie alle gemeinsam zum Essen gegangen!“

Nach dem Training sitzt auch Sandro mit den Flüchtlingen immer noch zusammen beim Mittagessen an den Biertischen. Der gelernte Automobilkaufmann wollte sich schon seit seinem Freiwilligen Sozialen Jahr beim Rettungsdienst wieder ehrenamtlich engagieren und ist zusammen mit einem Freund seit März 2015 bei „buntkicktgut“dabei. „Zuvor war mir nicht klar, warum so viele Menschen einen so langen Weg auf sich nehmen. Ich habe mittlerweile ein großes Verständnis dafür entwickelt, was in ihnen vorgeht.“

Prävention gegen Gewalt

Die Idee zu der interkulturellen Straßenfußball-Liga entstand 1997 aus der Betreuungsarbeit von Kindern und Jugendlichen in Münchner Gemeinschaftsunterkünften für Bürgerkriegsflüchtlinge und Asylbewerber. „Fußball war und ist ein Medium, das alle kennen und mit dem Verständigung auch ohne Worte möglich ist“, sagt Jan Saddei. „Wir bringen mit ‚buntkicktgut‘ junge Menschen verschiedenster kultureller, sozialer und nationaler Herkunft zusammen. Mit dem Ball lernen die spielerisch, dass gegenseitige Toleranz und Fairness die Grundlage für friedliche Interaktion sind.“ Die interkulturelle Straßenfußball-Liga gibt es  mittlerweile in München, Dortmund, Berlin, Würzburg und Niederbayern. Und nicht nur in München sind die Koordinatoren stolz auf „ein einzigartiges Beispiel für Integration, Partizipation und Migration.“

Unterstützung gesucht

Derzeit finden an fünfzehn verschiedenen Unterkünften in München Trainingseinheiten statt, auch in der Bayernkaserne, den verschiedenen Dependancen der Erstaufnahmeeinrichtungen und einigen Gemeinschaftsunterkünften. Immer dienstags gibt es für die kleineren Wohngruppen von 15 Uhr bis 17 Uhr ein öffentliches Training an der Bezirkssportanlage Siegenburger Straße. Die etwa 30 Bundesfreiwilligendienstler mit Flüchtlingsbezug, Übungsleiter, Praktikanten und Ehrenamtlichen von „buntkicktgut“ trainieren meist zweimal pro Woche in ihren jeweiligen Einrichtungen und begleiten ihre Spieler zu den regelmäßig stattfindenden Turnieren der interkulturellen Straßenfußball-Liga.

In und um München ist Jan Saddei, Koordinator von „buntkicktgut“ in München, immer wieder auf der Suche nach Trainern wie Sandro. Er freut sich über sozial engagierte Fußball-Begeisterte, die ein Interesse an einem mittel-und langfristigen Engagement haben. Wer Interesse hat, meldet sich bitte bei Jan Saddei: j.saddei@buntkicktgut.de