Ein Teller Heimat

In Obergiesing werden jeden Monat andere Nationalgerichte gekocht.

Die Idee entstand im Vorbeiradeln. Mit Jahresbeginn 2015 fuhr Geli immer wieder an den neuen Wohncontainern in der McGraw-Kaserne entlang und fragte sich, was sie tun könnte, um diese Menschen willkommen zu heißen. Seit März organisiert sie nun jeden Monat das Koch-Projekt „Ein Teller Heimat“ in Obergiesing.

In der Küche des Nachbarschaftstreffs am Walchenseeplatz fischt Philip mit scharfem Blick ein paar trockene Stiele aus den eingeweichten bitter leaves. Linus würzt den Eintopf, schwenkt die Pfanne mit dem Rindfleisch und hadert ein wenig mit dem Temperaturregler des Ceran-Kochfelds.  Dazwischen wuselt Ada – achtsam, auch wenn sie den Herd nicht im Blick hat. Ein gutes Ohr reicht: „Something ist boiling!“ Die drei Flüchtlinge aus Nigeria wirken sehr souverän zwischen den vielen Töpfen und Schüsseln. Philip und Linus haben von klein auf ihren Müttern zugeguckt und mitgeholfen. Ada hat im Catering gearbeitet. Jeder spricht einen anderen Dialekt, auch die Art der Zubereitung unterscheidet sich – aber sie werden sich offensichtlich einig.

Auf der Speisekarte stehen Peanut Soup, Egusi, Fufu und Red Stew. Eine Woche zuvor hat Geli Feigenbutz zusammen mit Philip und Pastor Michael Ekeson von der International Christian Church ICC München viele ihr völlig fremde Dinge eingekauft: rotes Palmöl, die geriebenen Samen der westafrikanischen Egusi-Melone, bitter leaves.  Letztere gehören in das Egusi, ein sehr beliebter Eintopf aus Fleisch, Fisch- und Melonenkernen-Püree. Dazu wird Fufu gegessen: Dafür wird mit großem Aufwand ein Püree aus Yamswurzeln und Gries hergestellt. Beim Essen formt man mit der linken Hand daraus einen Knödel, tunkt ihn in den Eintopf und führt ihn schnell zum Mund.

Raus aus dem Container-Alltag

Die McGraw Kaserne ist eine von fünf Zweigstellen der Erstaufnahmeeinrichtung Bayernkaserne in München und beherbergt 300 Flüchtlinge. Die erste Zeit des Aufenthaltes nach der Flucht ist von viel Bürokratie, von Warten und Ungewissheit geprägt: Es gilt, Formulare und Bescheide entziffern und verstehen zu lernen, Arztbesuche zu absolvieren, sich im öffentlichen Verkehrsnetz zurechtzufinden und auf den Transfer an einen weiteren unbekannten Ort zu warten. 

Beim Vorbeiradeln war Geli Feigenbutz die oft gedrückte Stimmung rund um die Container der McGraw-Kaserne aufgefallen: „Sie sind um die halbe Welt geflüchtet, um eine neue Heimat zu finden. Die Identität geht verloren und die Lebensperspektive ist vage. Da breitet sich unwillkürlich eine depressive Stimmung wie ein Lauffeuer aus.“

Zusammen mit der Leitung des Nachbarschaftstreffs am Walchenseeplatz und Teilnehmer eines Stammtisches begann das Projekt von „Ein Teller Heimat“ langsam Konturen anzunehmen. Auch Julia Helmbrecht war begeistert von der Idee. Sie koordiniert für die Innere Mission München die ehrenamtlichen Helfer in den Außenstellen der Bayernkaserne.

Sorgfältige Vorbereitung

Ein Probe-Kochen im März brachte viele Erkenntnisse in Sachen Planung, Ablauf und Zeitvorstellungen – und das Team rund um Geli Feigenbutz hat sich entsprechend organisiert:

Für jedes Treffen holt sie sich jemanden aus dem jeweiligen Land an ihre Seite: „Damit sich die Flüchtlinge sich wohler und sicherer fühlen und in ihrer Heimatsprache über das Projekt informiert werden.“

Für die Vorbereitung auf das Essen mit Nigerianern hat sie etwa Michael Ekeson sehr unterstützt: Der Pastor der internationalen Church in Berg am Laim stammt aus dem nigerianischen Bundesstaat Imo. Er ist Seelsorger und zugleich Organisator für seine Landsleute, die oft wegen ihres christlichen Glaubens flüchten mussten und sich gerne Michael anvertrauen. Eine Woche vor dem Essen ist sie „fast täglich“ in der McGraw-Kaserne, um für das Koch-Projekt zu werben, Vertrauen aufzubauen, die Flüchtlinge so gut es geht mit ihren Sorgen und Nöten kennenzulernen. Es gibt ein Planungstreffen, um die Aufgaben zu verteilen und die Rezepte festzulegen. Mit einem Einkaufsplan wird dann mit ein bis zwei Flüchtlingen eingekauft.

„Ein Teller Heimat“ will beim Zubereiten vertrauter Gerichte den Container-Alltag in den Hintergrund rücken lassen, will für Genuss und heimatliche Gefühle sorgen. An diesem Montagnachmittag sitzen Evi und Karl vom Nachbarschaftstreff an den Bierbänken vor dem Haus, waschen Früchte und bereiten große Schüsseln Obstsalat vor. Auch Sophia Wittmann hilft mit. Die Sozialpädagogin arbeitet für den Betreiber der Dependance, die Firma fair price hostels, und sie hat die Flüchtlinge zur Küche in Obergiesing begleitet. Sie freut sich über das Projekt: „Im Camp ist es schwierig, näher mit den Flüchtlingen in Kontakt zu kommen. Hier sind viele schöne Begegnungen möglich.“

Im Laufe des Tages schauen immer mehr Leute aus der Nachbarschaft vorbei, auch Susi aus Harlaching. Sie sagt: „Ich hab‘ es einfach nicht mehr ertragen, nur zuzuschauen.“ Mit Philip, Linus und Ada sind noch weitere Flüchtlinge aus Nigeria gekommen, darunter auch Emanuel. Er ist mittlerweile in eine Gemeinschaftsunterkunft weit hinter Erding verlegt worden, aber Geli hat Kontakt gehalten zu dem leidenschaftlichen Musiker. Und so sitzt Emanuel am Keyboard, begleitet von zwei Djemben – und spielt Calypso-Lieder. Meist wird dann noch gemeinsam Musik gemacht. Wer will, kann sein Instrument mitbringen, Klavier und Bongo stehen immer bereit.

Projekt in Obergiesing: "Ein Teller Heimat"

Ab 18 Uhr sitzen dann meist alle an den großen Tischen, bis zu 30 Gäste kommen zusammen. „Mehr sollen es auch nicht werden“, sagt die Organisatorin, „sonst entstehen kaum Einzelgespräche und die Nationen bleiben unter sich.“

Mithilfe erwünscht

Damit „Ein Teller Heimat“ Giesing weiter so erfolgreich wie bisher stattfinden kann, werden dringend weitere Helfer benötigt, die längerfristig viel Zeit für die Gestaltung der Initiative aufbringen können, u.a. um den Kontakt mit den Flüchtlingen, den Köchen und Köchinnen in den Einrichtungen kontinuierlich aufrecht zu erhalten.

Die Initiative sucht aktive Rentnerinnen und Renter oder auch Freiberufliche, die gerne organisieren, sich im Internet auskennen, die selbstständig verschiedene praktische Aufgaben zur Planung der Koch-Events übernehmen wollen. Kurze Wege erleichtern die Arbeit, deshalb werden es Unterstützende aus Giesing bei der Mithilfe leichter haben.

Bitte melden unter: welcome@eintellerheimat.de

 

Aktuelle Informationen:

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